Sonntag, 15. September 2013

O' zapft is ...

Noch 163 Tage bis zum Ende des Projektes

Der 25. Post ist einer Altbäuerin in Markschellenberg gewidmet, bei der wir einen Sommer zu Gast waren. Jeden Tag trug sie als Alltagskleid ein anderes Old-School-Dirndl, eines schöner als das andere.



Werbung auf einem Bus im Rheinland


In den siebziger Jahren  trug man in Paris schwarze schmale Hosen und enge Rollkragenpullis, in London hatte Mary Quant den Minirock erfunden und in San Francisco flochten sich Hippies Blumen ins Haar.

Im Ruhrgebiet saß ein Mädchen in einem Dirndlkleid auf einem Holzschemel und fühlte sich total unwohl. Das Kleid war marineblau, hatte sechs geschwärzte Goldknöpfe auf dem Brustteil und wurde mit einer rosaweiß karierten Bluse und einer passenden Schürze getragen. Die Schürze hatte blaue Maschinenstickerei als Verzierung und das zehnjährige Mädchen haßte diese oberflächliche Arbeit, die nichts von der Schönheit besaß, mit der ihre Großmutter Tischdecken bestickte.

Noch immer besitze ich ein sehr ambivalentes Verhältnis zu Dirndln und frage mich, wie man diese Kleider ungestraft außerhalb Bayerns tragen kann. Keine Frage, dass sie in diesem Landstrich zuhause sind - quasi dort erfunden wurden, als Kleidungsstücke welches die Idee vom ländlichen Leben nachahmten. Getragen zuerst von Bürgerinnen als Ausflugskleidung aufs Land, wozu vor über hundertfünfzig Jahren auch die Theresienwiese in München gehörte, auf der sich heuer das Oktoberfest abspielt. 
Als sogenanntes "sinkendes Kulturgut" kam das Dirndl nach einigen Generationen auch in der ländlichen Bevölkerung des Alpenlandes an und wurde dort zuerst als Festtagskleid, einige Zeit später auch als  traditionelle Alltagskleidung getragen. 
Keine Frage: seinen Ursprüngen nach, gehört dieses Kleid nach Bayern und es gibt nichts schöneres, als zur Oktoberfestsaison in München in den Auslagen der Schaufenster das schönste Dirndl auszusuchen. Dieses Kleid ist feminin, es macht einen schönen Busen, eine schmale Taille und gibt sich ganz und gar weiblich. 
Nördlich des Weißwurstäquators wird aus dem Kleidungsstück jedoch ein Verkleidungsstück.
(Ich bin sicher, die Reklamefritzen vom Karnevalshaus D. wissen das, wie kämen sie sonst auf den einfallsreichen Spruch: wir können mehr als Karneval?) In diesem Landstrich geht es nicht um teure Seidenstoffe aus Asien, aus denen Dirndl genäht werden, auch nicht um old fashioned Dirndl der vierziger bis achtziger Jahre, die handgenäht und dank ihrer hochwertigen Stoffe heute in Spezialgeschäften als Vintage-Dirndl verkauft werden, es geht nicht um hochwertige Kollektionen aus Leinen alteingesessener Trachtenfirmen, bei denen ein Dirndl mit Zubehör schon mal um die tausend Euro kostet. In diesem Landstrich - nördlich von Bayern geht es um billige Asienimporte, aus billigen Stoffen zu Billiglöhnen in China, Bangladesh und Vietnam angefertigt, schlecht sitzend, aber egal, denn diese Dirndl müssen ja nur eine Nacht im Festzelt überleben, wenn wir im Oktober am Südstation Party feiern.

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