Der 15. Post ist meiner Freundin Antje gewidmet, mit der ich - solange ich denken kann - schon immer gern über Mode geredet habe und die mir den Artikel überreichte, um den es heute geht Clothes: A Manifesto by Rebecca Willis, erschienen im Economist, March/April 2013.
Freitag habe ich Julius kennengelernt. Er ist supersüß, zwei Jahre alt und zum Abschied haben wir einander zugewunken. Da ist das passiert, was ich eigentlich nie für möglich gehalten habe: ich habe meine Bingo-Wings entdeckt! Ich wußte nicht , dass ich sie habe, aber aus meiner ärmellosen Bluse wackelte der Trizeps meines rechten Oberarmes munter hin und her. Den ganzen Winter und all die schönen Jahre davor, blieb dieser blöde Muskel unbemerkt und jetzt wagt er sich an die Öffentlichkeit. Erfahrene Coaches raten bei diesem Problem dazu, zwei Ein-Kilo-Hanteln neben den Fernseher zu legen und in jeder Werbepause Trizeps-Übungen mit abgespreiztem kleinen Finger zu machen.Muskeln lassen sich durch diese Übungen leicht aufbauen (verschwinden aber auch genauso leicht wieder, wenn man das Training nicht regelmäßig durchführt).
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| Aquarell: privat |
Rebecca Willis stellt fest, dass im frühen 21. Jahrhundert die Ärmel von den Kleidungsstücken abgetrennt wurden. Shiftkleider, gebräunte Körper, der Trend zur Jugendlichkeit im Allgemeinen führte zu dieser modischen Veränderung. Die Kölner Modedesignerin Marion Muck präsentiert ihre Shopkollektionen grundsätzlich ärmellos. Auf die Frage meiner Freundin, ob denn alle Kundinnen makellose Oberarme hätten, antwortete die Verkäuferin, es sei üblich, auf Wunsch und gegen Aufpreis Ärmel an die Kleidungsstücke zu nähen. Wieviel Zeit seines Lebens soll man als Kundin zwischen 20 und 70 Jahren damit verschwenden, Oberteile mit Ärmeln zu suchen, wenn die meisten Frauen in dieser Altersgruppe Probleme mit Bingo-Wings haben? Oder sollen wir uns schuldig fühlen, weil wir kostbare Zeit nicht mit Fitnesstraining, sondern anderen wichtigen Sachen verschwenden? Also Designer: schultert das Problem und näht die Ärmel wieder an!
Vierzig Frauen zwischen 18 und 84 Jahren, die nicht beruflich mit der Modebranche zu tun haben, wurden gefragt, ob die Modeindustrie wirklich die Mode produziert, die Frauen wollen; bekommen sie die Mode, wenn sie sie brauchen und macht Mode Frauen glücklich?
Alle befragten Frauen leben in der westlichen Welt, haben unterschiedliche Nationalitäten, Körpergrößen und -formen. Sie präsentieren die Meinung außerhalb der geschlossenen Fashion-Welt. Die Antworten zeigen, dass Frauen Kleidung lieben und sich sehr darüber ärgern, wenn nicht das erhältlich ist, was sie wollen.
Frauen ärgern sich über schlechte Qualität, überzogene Preise, mangelhafte Herstellung, schlecht geschnittene Kleidung, die nicht langlebig ist. Sie ärgern sich über eine zu große Auswahl, aber auch über das Gegenteil: zu wenig von dem, was sie wollen.
Frauen lieben den Eskapismus der Couture Mode, aber wenn es ums Kaufen geht, zählen Qualität und Schnitt mehr als alles andere. Alle Frauen wünschen sich gut gemachte Kleidung, die nicht auseinanderfällt, sie wollen nicht den letzten Schrei, denn sie wissen, dass dieser sie nur zum Konsumieren auffordern soll.
Frauenkörper ändernsich ein wenig, aber nicht allzuviel und auch nicht in jeder Saison. Doch eine immerwährende Veränderung ist, dass Frauen nicht einem Designer oder einem Geschäft treu bleiben können. Eigentlich lieben sie Beständigkeit: ihre Läden und ihre Designer, sie würden gerne einer Marke treu sein, wenn sie nur könnten!
An einem bestimmten Punkt ihres Lebens, wissen Frauen, was ihnen paßt und was ihnen steht. Dann wollen sie ihre Lieblingsstücke in verschiedenen Variationen. Sie wollen Liebesaffären mit ihren Kleidungsstücken, keine Eintagsfliegen.
In einer Industrie, die vom Wandel lebt, gibt es trotzdem einen Markt für Designer, die Frauen mit Respekt behandeln. Natürlich handelt sich dabei dann um ein anderes ökonomisches Modell, als das Bestehende. Aber diese Verantwortung könnte sich wandeln von Quantität zu Qualität - von kurzlebigen Trends zu moderner Klassik. Es könnte ein erfolgreiches Modell werden, mehr als das: damit könnten die Herzen und Köpfe echter Frauen erobert werden. Noch ist es jedoch ein Kampf von David gegen Goliath. (Fortsetzung folgt)

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